Otto-Mayr-Hütte

Die Geschichte der Otto-Mayr-Hütte

Die ersten 100 Jahre in Kurzfassung:

1899 eines der ersten Fertighäuser,
ein „Musterhaus für Bergsteiger“ aus einer Ausstellung in München wird von der Sektion Augsburg erworben und unter großen Schwierigkeiten im Reintal aufgestellt.
Am 8. Juli 1900 ist feierliche Einweihung. Ein Hoch auf Kaiser und Prinzregent! Die Hütte wird Ziel ungezählter Bergfreunde und alsbald sind Zubauten nötig: Der „Mulistall“ bot zusätzliche Notlager
1909 wird die Ostseite um das Saalettle erweitert.
1929 zur 60 Jahrfeier der Sektion erfolgt der Beschluss, eine Jubiläumshütte zu bauen für die Jugend, die Selbstversorger, die Winterbergsteiger. In diesem Jahr zieht Willi Merkl nach Augsburg und bringt sich in unsere Sektion ein, einer der besten Bergsteiger dieser Zeit!
1934 leistet er die Expedition zum Nanga-Parbat und bleibt am Berg.
1936 wird die Jubiläumshütte auf seinen Namen umbenennt – Willi Merkl Hütte
1945 Enteignung der Hütte
1956 Rückgabe an den DAV – Sektion Augsburg
1959 Elektrifizierung durch ein Dieselaggregat

Immer wieder gibt es neue Aufgaben und Arbeit:
In der Zusammenarbeit mit der Stadt Füssen – Bau einer zeitgemäßen Kläranlage
Modernisierung an der Küche
Verbesserung der Sanitären Anlagen

1990 Wir feiern das 90. Jubiläum

Und nun feierlich:

(Aus dem Heft 100 Jahre Sektion Augsburg vom 5. Juli 1969)

Am 8. Juli 1900 wurde die Otto-Mayr-Hütte feierlich den Bergfreunden übergeben. Die kirchliche Weihe vollzog das Augsburger Sektionsmitglied Benefiziat von Füssen Georg Wagner.(späher Stadtpfarrer von Augsburg.Pfersee). Die Festrede hielt der zweite Vorsitzende Stadtkämmerer Arold. Zitat von Hans Kaiser aus dem Gedenkbuch von 1925:
Damals nahm man dankbar, was der Tag brachte und auch das muß man jenen Männern lassen: Sie hatten Humor und verstanden sich darauf, die Feste zu feiern, wie sie fielen!
Als man am 7. Juli 1900 zur Einweihung der Otto-Mayr-Hütte lechaufwärts zog, blieb man im weinberühmten Weißhaus, um - Vorfeier zu halten!
Und hier war es, wo der greise Advokat Herzfelder den Paten der neuen Hütte mit folgendem Poem feierte: 
In ferne, ferne Zukunft blick ich aus:
Noch steht im Reintal wohl das gute Haus,
wir aber, die jetzt fröhlich zu ihm wallen,
sind längst dahin, zu eitel Staub zerfallen.
Ein anderes Geschlecht ist dort zu Gast,
hält dort bei kühlem Trunk vergnüglich Rast
und nimmt, wie es jeder Zeit die Erben machen,
Besitz von dem, was wir gebaut, mit Lachen.
Vielleicht, daß mancher dann im stillen denkt,
wenn er den Wanderschritt dorthin gelenkt,
um von des Lebens Mühsal zu genesen:
Wer ist denn dieser Otto Mayr gewesen?

Die Chronik meldet wenig mehr von ihm
und seinem segenspendenden Regime.
Drum möcht ich gern einmal statt dicker Schriften
ein einzig Blatt in unsre Hütte stiften.
Und zwar in Wahrheit, ohne Übertreibung,
des lieben Freundes Personalbeschreibung:
So eine Art von Steckbrief, billet-doux,
das man ihm nachschickt in die ewge Ruh!

Er war, so tät ich melden als Chronist,
es ist schrecklich aber wahr, Polytheist!!
Das heißt: Gottheiten dient er mancherlei
in tiefer Ehrfurcht, brünst'ger Schwärmerei;
vor allen andern stand ihm allzeit nah,
die Zier der Göttinnen, Frau Musika.
Sie nahm ihm Herz und Sinne Tag um Tag
mit ihren Wundertönen in Beschlag;
selbst wenn er schwitzte über dicken Akten,
umklang es ihn in wohlbekannten Takten.
Ja, mitten im erregtesten Gespräch
sprang eine Melodie ihm übern Weg,
und frug man ihn, so blieb er zwar nicht stumm,
doch klang die Antwort meist: Bum- Bum, Bum-Bum!

Die zweite Göttin, der er Treue schwur,
war unser aller Mutter, die ,Natur!
Am Nagel hing der `ne Advokat,
wenn er auf Gletschereis und Felsen trat,
und wenn die Höhen morgenrotumflammt,
fromm hielt er dort sein Hohenpriesteramt!
Wenn er da wohlgemut gen Stätzling zog,
Botaniker und Paläontolog,
da war kein Ding ihm zu gering und klein,
kein Pflänzlein, kein verwitterndes Gestein.
Und fand er ein versteinertes Produkt,
ein Krötlein oder Fischlein abgedruckt,
hob er den Brocken auf und freut sich des,
als wär`` gewonnene Prozeß.
Kam er dann schwer bepackt von solchen Fahrten,
schuf er sein Höflein um zum Alpengarten,
der war sein Stolz und ich vermute fast,
er galt ihm mehr als der Justizpalast!

Nun kommt ein dunkler Punkt in seinem Leben:
Der Gottheit Indiens war er ganz ergeben,
die Weisheitssprüche kannt` er des Buddhismus
viel besser als den kleinen Katechismus,
und war in diese Studien so verbohrt
-wer weiß, ob er dafür nicht unten schmort!
Hielt `s doch der Heide selbst mit Mohammed,
denn Katzenfreund war er, wie der Prophet;
rieb eine Miez an seiner Hand die Nase,
bot sie ihr Pfötchen, kam er in Ekstase,
und wenn ein Kater noch so falsch, so bös, er rief entzückt:
,,Wie zierlich, wie graziös!
- Das sind Bruchstücke nur, doch ungefähr so lautete von Otto Mayr die Mär!"


Die Hütte als reiner Holzbau stand auf der Münchner Ausstellung 1899 und wurde dann in ihre Teile zerlegt an Ort und Stelle gebracht. Aber da die Holzteile nicht roh waren, sondern das Holz bereits imprägniert war, mußte ein Zoll bezahlt werden, der den damaligen Vorständen die Sprache verschlug. 6000 fl rund 9600 Mark kassierte der k.u.k.-Zoll.
Kein Einspruch half, Es mußte berappt werden.
Im Jahre 1909/10 wurde die Hütte erweitert. Von der Eröffnung der Hütte bis zum Jahre 1929 war Bergführer Johann Kiechle und seine Gattin ein treusorgendes Hüttenehepaar.
Von 1930 ab war Bergführer Max Niggl und seine Frau Helene (geb. Kiechle) Hüttenwirt. 37 Jahre haben beide als treue Wahrer unseres Eigentums dort oben in guten und schlechten Zeiten, Krieg und Grenzsperre gearbeitet.
Daß die Hütten im Reintal durch die letzten Kriegsmonate unverletzt vor Plünderung und Zerstörung durchgekommen sind, haben wir allein Max Niggl zu verdanken.

Nun sind seit zwei Jahren die Familie Ignaz Erl und Frau Rosa aus Füssen als Hüttenwirtseheleute auf der Hütte. Sie haben es bisher verstanden, durch aufmerksame Behandlung, gute Verpflegung die Bergsteiger und die übrigen Gäste sich das Vertrauen zu erwerben, das macht sich auch in der ansteigenden Besucherzahl bemerkbar.

Nach der Elektrifizierung wurde nun auch die Wasserversorgung neu instandgesetzt. Der Waschraum für Damen und Herren hat die im Freien stehenden Waschbecken ersetzt. Die Veranda wurde mit neuen Stahträgern versehen. Die Gasträume mit neuen Fußböden belegt. Der innere Gastraum hat eine neue Theke erha]ten, die die Ausgabe der flüssigen Nahrung erleichtert. Auch in der Küche sind viele Neuerungen durchgeführt worden, die das Arbeiten sehr erleichtern. Die Kellerräume wurden neu isoliert, um den behördlichen Vorschriften zu entsprechen. Noch stehen uns manche Verbesserungen bevor. Dies alles verschlingt große Summen. Im letzten Jahr allein mußten wir mehr als 20000 DM bereitstellen.
Das eigentliche Arbeitsgebiet der Sektion liegt im oberen Reintat am Schlickezug und auf der Nordseite des Hauptkammes vom FüEssener Jöchl bis zum Kelleschrofen und Sabachjoch bis zur Gernspitze. Der Normalanstieg von der Nesselwängler Scharte zur Kellespitze gehört zum Arbeitsgebiet der Sektion Allgäu-Kempten.

Aber wem von uns ist diese Hütte nicht ans Herz gewachsen, deren schöne Umrahmung so ganz dem Wesen und reichen Gemüt der himmelanstrebenden Eigenschaft unseres unvergeßlichen Freundes (Otto Mayr) entspricht?
Wer hätte dort oben nicht köstliche Stunden und traute Zwiesprache mit der ungebundenen, friedlichen und doch sieghaften Natur verbracht?
So steht unsere Otto-Mayr-Hütte in Sommersonne und Winternacht als bleibendes Denkmal für ihn!


Franz Reisch, Hüttenreferent


letzte Änderung 13-Jun-2005 (20-Apr-2009, 01-Nov-2011)